Diskussion um die Zukunft des Schauspielstudios

Die Leipziger Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ plant, das am Schauspiel Chemnitz ansässige Schauspielstudio zu schließen und an ein Theater in den alten Bundesländern zu verlagern. Damit würde eine fast 50-jährige Tradition beendet. Nach dem Grundstudium an der Hochschule werden die Schauspielstudenten regelmäßig an einem Studio in der Praxis ausgebildet. Diese Studios befinden sich an den führenden Schauspieltheatern der Region, derzeit in Dresden, Leipzig, Halle/Saale und Chemnitz.


Die Theater Chemnitz haben eine Petition für den Erhalt des Schauspielstudios in Chemnitz gestartet, die Sie HIER mit Ihrer Unterschrift unterstützen können.


Seit der ersten Meldung vom 29. April diskutiert die Presse den Vorgang.

Diesen ersten Bericht finden Sie HIER.


In ihrer Ausgabe vom 3. Mai fragt die „Freie Presse“ nach den Gründen für die Entscheidung. In einem Kommentar nennt sie die Bekanntgabe der Hochschule ohne Nennung der Ursachen „zu dürftig“.

Diese Beiträge finden Sie HIER zum Download.


In der Ausgabe vom 4. Mai zitiert die „Freie Presse“ einen früheren Professor der Hochschule und Beteiligte im Schauspielhaus. Das Gerücht, Chemnitz gelte den Leipzigern als zu provinziell, kommentiert Tilo Krügel, der Leiter des Schauspielstudios: „Provinz ist nur dort, wo man provinziell denkt. Diesen Schuh müssen wir uns nicht anziehen.“
Den vollständigen Text dieses Beitrags vom 04.05.2011 finden Sie unten.

In einem Beitrag der "Freien Presse" vom 6. Mai nennt der Hochschulrektor Professor Robert Ehrlich erstmals Gründe für die beabsichtigte Schließung des Schauspielstudios und spricht von einer mangelnden Qualität der Ausbildung. Zur Anregung der Theater Chemnitz, einen Runden Tisch mit Vertretern aller Seiten und mit Schlichtern einzuberufen, sagt der Rektor: "Wenn wir uns sachlich und auf Augenhöhe treffen, diskutieren wir mit jedem."

Den vollständigen Text des Beitrags vom 06.05.2011 finden Sie HIER.


Am 7. Mai zieht die "Freie Presse" die Begründung des Rektors in Zweifel. Sie stellt ihr einen Brief der Hochschule von 2009 gegenüber, der die Ausbildung als "beispielhaft, stabil, beglückend" bezeichnet.

Den Brief der Hochschule, aus dem der Pressebericht zitiert, finden Sie HIER zum Download.
Den vollständigen Text des Beitrags vom 07.05.2011 finden Sie weiter unten.


Am 10. Mai stellt die "Leipziger Volkszeitung" die Positionen beider Seiten dar. Der Chemnitzer Generalintendant Dr. Bernhard Helmich kritisiert: "Nach einer so langen Partnerschaft von 50 Jahren hätte ich mir einen anderen Umgang miteinander gewünscht." Schauspieldirektor Enrico Lübbe sagt: "Uns ohne vorherige Kritik zu kündigen, ist einfach unfair." Dagegen befindet der Leipziger Hochschulrektor Professor Robert Ehrlich, "dass so ein Vorgang Alltag ist. Wir haben Kooperationsverträge in der ganzen Welt, es kommen neue hinzu und andere fallen weg." Er spricht von einem "zerrütteten Vertrauensverhältnis" gegenüber dem Chemnitzer Schauspiel.

Diesen Beitrag finden Sie HIER zum Download.


Am 1. Juni veröffentlicht die „Leipziger Volkszeitung" ein Interview mit dem Dozenten Professor Bernd Guhr. Guhr hat seinen Lehrauftrag aus Unverständnis über die Entscheidung der Hochschule vorerst niedergelegt. Im Interview nennt er es „fahrlässig und blauäugig, etwas über 30 Jahre Aufgebautes wie das Chemnitzer Studio - das das Profil Leipziger Schauspielerausbildung bis 2010 maßgeblich mitbestimmt hat - zu schließen“. Seine Hoffnung: „In der Politik sieht man ja zur Zeit, dass eine wie auch immer demokratisch gefällte Entscheidung auch demokratisch korrigiert werden kann. Ich habe dem Rektor, übrigens in einem hochseriösen Gespräch, vorgeschlagen, über ein Moratorium nachzudenken, eine unabhängige Kommission einzusetzen, die der Hochschulleitung Vorschläge macht. Zuvorderst müssen  sich die bisherigen Partner um einen Tisch versammeln. Die Chemnitzer haben ein Recht darauf, Auge in Auge im Kollegium der Fachrichtung gehört zu werden.“

Das komplette Interview zum Download finden Sie HIER.


Am 9. Juni 2011 veröffentlichen sowohl die Dresdner "Sächsische Zeitung" als auch die Chemnitzer "Freie Presse" neue Beiträge. 

Der Artikel der "Sächsischen Zeitung"sagt, dass "über eine Berliner Bühne als Ersatz gemunkelt" werde. Der neue Standort solle im Spätsommer bekannt gemacht werden. Die Zeitung erwähnt ein offizielles Statement der Hochschule. Darin erklärt sie, dass die gefallene Entscheidung nicht verhandelbar sei. Dagegen spiegelt der Beitrag die Hoffnung des Chemnitzer Schauspieldirektors Enrico Lübbe wieder, dass sich trotz der hitzigen Diskussion ein Gespräch mit der Schule ergibt.

Den kompletten Beitrag zum Download finden Sie HIER.


Die "Freie Presse" schreibt, dass ein "Güte-Termin" zwischen den Theatern Chemnitz und der Hochschule in Aussicht sei. Ein Gespräch habe Hochschulrektor Professor Robert Ehrlich dem Generalintendanten der Theater Chemnitz, Dr. Bernhard Helmich, vorgeschlagen. Angeschoben wurde es von Sachsens Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Sabine von Schorlemer. In einem Brief an die Chemnitz Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig schreibt sie dazu, dass sie nicht direkt eingreifen könne. Ludwig hofft nun, "dass es in diesem Gespräch gelingt, gemeinsam zu einer guten Lösung zu finden".

Den kompletten Beitrag zum Download finden Sie HIER.



Der vollständige Text des Beitrags vom 04.05.2011:


"Provinz ist, wo man provinziell denkt"

 

Die Kritik an der Entscheidung, Schauspieler nicht mehr in Chemnitz ausbilden zu lassen, reißt nicht ab. Dabei spielt auch der Ruf der Stadt eine Rolle.

 

VON KATHARINA LEUOTH

 

Bernd Guhr ist Fan von Chemnitz, sagt er. Nicht unbedingt von der Stadt, aber vom Studio am Schauspielhaus, in dem ein Teil der Studenten der Leipziger Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" seine praktische Ausbildung erhalten. Guhr war Professor an der Leipziger Hochschule und für die Ausbildungsstudios mit zuständig, seit einem Jahr ist er im Ruhestand. Vor der hohen Qualität der Ausbildung in Chemnitz habe er Hochachtung, sagt er. Dass man das Studio schließen will, "ist nicht nachvollziehbar". Auch nicht unter dem Aspekt, dass Studenten in Leipzig in aller Regel nicht erfreut seien, wenn sie "in die Provinzstadt Chemnitz" geschickt werden, sagt Guhr.

 

Student schreibt Brief an Rektor

 

Die Studenten der Leipziger Hochschule werden nach ihrem Grundstudium zur praktischen Ausbildung an Theater in Leipzig, Dresden, Halle oder Chemnitz vermittelt. Den Vertrag über die fast 50 Jahre währende Ausbildung in Chemnitz aber hat die Hochschule jetzt nicht mehr verlängert, er läuft 2012 aus. Was am Theater und beim sächsischen Bühnenverein für Verwunderung sorgte, weil die Ausbildung als hochwertig gilt. Zumal die Hochschule keine Gründe für die Ausbildungs-Absage nennt. Laut Chemnitzer Schauspieldirektor Enrico Lübbe habe es in Gesprächen mit Vertretern der Hochschule aber geheißen, dass Chemnitz zu provinziell sei; an der Hochschule in Leipzig will man das allerdings nicht bestätigen.

 

Doch auch Guhr spricht von Provinz. "Aber Provinz ist in meinen Augen nichts Abwertendes." In der Provinz werde teils besseres Theater gespielt als in großen Städten, und es komme nicht auf die Sehenswürdigkeiten an, sondern auf die Menschen. "Kein Student hat nach der Ausbildung in Chemnitz gesagt: Das war für mich verlorene Zeit."

 

Im Gegenteil, meint Jannik Nowak, der vergangenes Jahr seine Ausbildung in Chemnitz abschloss und jetzt am Theater in Essen engagiert ist. "Chemnitzer Studenten gehen weg wie warme Semmeln", sagt er. Fast alle würden nach der Ausbildung sofort Engagements erhalten. Die Kündigung der Chemnitzer Ausbildung rege ihn dermaßen auf, dass er einen Brief an den Hochschul-Rektor geschrieben hat, worin er die hohe Qualität der Ausbildung hervorhebt. Zwar sei er damals auch nicht begeistert gewesen, als er nach Chemnitz geschickt wurde, "aber ich habe sehr schnell begriffen, welch wahnsinnig gute, handwerkliche Ausbildung man hier genießt. Und darauf kommt es an." Nicht nur Tilo Krügel als Studioleiter gebe sich alle Mühe, "hier gibt es auch Schauspieler der alten Schule, die einem Handwerk vermitteln".

 

Studioleiter prophezeit Fehler

 

Auch derzeitige Studenten sehen das ähnlich. "Bevor ich nach Chemnitz kam, hatte ich Vorurteile. Aber seitdem ich hier bin, muss ich sagen: Die Ausbildung ist tipptopp. Das Argument der Provinz kann nicht gelten", sagt Lena Vix. Student Timo Hastenpflug bestätigt: Auf Grund der hohen Qualität "ist eine Schließung eigentlich nicht nachvollziehbar". Aber er räumt auch ein, zwischen den Stühlen zu sitzen. Eine neue Orientierung der Hochschule - ein Wechsel der Ausbildungsstätte - könne vielleicht auch neue Perspektiven ermöglichen.

 

Genau das aber werde ein Fehler sein, glaubt Studioleiter Krügel, dem Guhr herausragende Arbeit bescheinigt. "Die Hochschule glaubt, neue Wege suchen zu müssen und vergisst, dass man alte Wege neu erfinden kann", sagt Krügel. Die Tradition der Stätte, die Nähe zu Leipzig, die fast 100-prozentige Vermittlung der Studenten spreche für Chemnitz. "Provinz ist nur dort, wo man provinziell denkt. Diesen Schuh müssen wir uns nicht anziehen."

 

 

Der vollständige Text des Berichts vom 07.05.2011:

 

"Zweifel an Rektor-Äußerungen


Der Chef der Hochschule für Musik und Theater hat die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit dem Chemnitzer Schauspiel mit der mangelnden Qualität der Ausbildung begründet. Dabei war die Hochschule noch 2009 voll des Lobes.


VON SWEN UHLIG


Zwei gestern durch das Chemnitzer Theater veröffentlichte Briefe haben Zweifel an den Äußerungen des Rektors der Leipziger Hochschule für Musik und Theater, Robert Ehrlich, geweckt. In einem Schreiben vom Herbst 2009 lobte die Bildungseinrichtung ausdrücklich die Schauspielausbildung in Chemnitz. Ehrlich dagegen hatte gestern in der "Freien Presse" erklärt, ein Grund für die Beendigung der Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Chemnitzer Schauspielhaus liege an der zurückgehenden Qualität der Ausbildung. Die Hochschule will den Vertrag mit dem hiesigen Theater nicht verlängern. Die Konsequenzen der Entscheidung seien derzeit noch nicht absehbar, sagte Schauspiel-Chef Enrico Lübbe.


In dem Schreiben vom Oktober 2009 heißt es, die Ausbildung der Studenten in Chemnitz sei "beispielhaft, stabil, beglückend". Unterzeichnet haben den Brief damals der Mentor der Hochschule sowie die Studien-Dekanin. Die beiden danken darin den Verantwortlichen des Chemnitzer Theaters ausdrücklich für ihr Engagement. Für die Studenten gebe es in Chemnitz "in höchst erfreulichem und zunehmenden Maße Entwicklung und Bewährung". Beleg sei das "ausgewogene, vielseitige, von hohem handwerklichen und professionellen Stand zeugende Abschluss-Vorspiel" der Studenten gewesen.


Als weiteres Motiv für die Beendigung der Zusammenarbeit zwischen Leipziger Hochschule und Chemnitzer Theater nannte Rektor Ehrlich die zunehmende Zahl der Auseinandersetzungen zwischen beiden Einrichtungen. So habe die Hochschule beispielsweise 2009 für einen Wettbewerb deutschsprachiger Schauspielstudenten eine Inszenierung des Leipziger statt des Chemnitzer Studios ausgewählt. Darüber habe sich Lübbe "massiv beschwert und von seiner Seite aus die Zusammenarbeit mit uns infrage gestellt", so Ehrlich.


In dem gestern vom Theater veröffentlichten Brief Lübbes an die Hochschule ist davon allerdings keine Rede. In dem Schreiben hatte der Chemnitzer Schauspiel-Chef lediglich sein Bedauern über die Entscheidung der Hochschule ausgedrückt und um ein klärendes Gespräch gebeten."



 

Die Protestnote der Theater Chemnitz:

 

Die Leipziger Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" plant, das seit 50 Jahren am Schauspiel Chemnitz ansässige Schauspielstudio zu schließen und an ein Theater in den alten Bundesländern zu verlagern.


Nach dem Grundstudium an der Hochschule werden die Schauspielstudenten regelmäßig an einem Studio in der Praxis ausgebildet. Diese Studios befinden sich an den führenden Schauspieltheatern der Region, derzeit in Dresden, Leipzig, Halle/Saale und Chemnitz.


In Chemnitz haben 50 Jahre intensiver und erfolgreicher Schauspielausbildung Theaterpersönlichkeiten hervorgebracht wie Ulrich Mühe, Jochen Noch, Hasko Weber, Jan Jochymski, Peter Moltzen und Katharina Schmalenberg.


Diese bewährte Ausbildung soll nun beendet werden.


Die Begründungen, die der Rektor der Leipziger Hochschule in der "Freien Presse" vom 6. Mai gibt, widersprechen völlig der bisher dem Schauspielhaus bekannten Position, dokumentiert u.a. in einem ausführlichen Schreiben der Leipziger Hochschule an das Schauspiel Chemnitz vom Oktober 2009, in dem u.a. dem ganzen Haus für das "vielseitige, von hohem handwerklichen und professionellen Stand zeugende Abschluss-Vorspiel" gedankt wird.


Unterstützen Sie mit Ihrer Unterschrift den Appell der Theater Chemnitz an Professor Robert Ehrlich, Rektor der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig:


Das Schauspielstudio soll in Chemnitz bleiben!


Die erfolgreiche Schauspielausbildung in Chemnitz soll damit auch in Zukunft gewährleistet sein!


Die regionale Nähe zwischen der Hochschule in Leipzig und der Praxisausbildung in Chemnitz darf nicht durch die Verlagerung in ein anderes Bundesland aufgegeben werden!